„Verlassenheit“ – Bitte, verlass mich nicht… Ich werde auch versuchen dir immer alles recht zu machen, wenn du dann nur bei mir bleibst.

Die Angst vor dem alleine sein und verlassen werden wurde uns allen bis zu einem gewissen Grad schon in die Wiege gelegt. Die allerersten Erfahrungen die wir, „auf der Welt“ angekommen, sammeln sind die, dass wir sofort jemanden brauchen der für uns da ist. Uns in den Arm nimmt, wärmt und füttert.

Wenn Sie sich Ihre ersten Minuten, raus aus dem schönen warmen schwerlosen Bad im Bauch der Mama, in dem Sie es sich die letzten Monate so schön fein gemacht haben, jetzt noch mal in aller Ruhe vorstellen.
Sie schwimmen da also noch unbesorgt und sorgenfrei als es plötzlich und völlig unerwartet richtig ungemütlich wird. Und die schöne Zeit ohne jede Vorwarnung endet und Sie aus dem Paradies vertreiben werden. Auf eine äußert kraftraubende und unangenehme Art und Weise. Die Geburt ist für Babys nämlich mindestens so anstrengend wie für die Mamas. Nur, dass die Babys es nicht weitererzählen können. Weil sie da von ihrer Entwicklung her einfach noch nicht so weit sind.
Dennoch ist die erste Erfahrung die sie dann, nachdem sie das Licht der Welt erblick haben, keine sehr schöne. Die Reise bis hier her war die letzten Stunden schon echt mühsam und als Dank für die Strapazen wird gleich zu Beginn auch noch die in den letzten Monaten so lebenswichtige Verbindung zur Mama einfach durchgeschnitten. Man wird durch die Gegend getragen – meistens auch noch vorbei an einem völlig erschöpften, wenn nicht sogar ohnmächtigen Herrn Papa, bis man dann nach Minuten, die einem wie Stunden vorkommen müssen, endlich wieder bei der eigenen Mama liegt. Nur eben mit Perspektivenwechsel.

Diese allerersten Erfahrungen im Leben prägen uns. Wir erfahren das erste Mal, dass wir jetzt „alt“ genug sind loslassen zu müssen. Wir sind aber natürlich  nicht alt genug nach dem loslassen dann auf uns selbst aufzupassen. Nein, ganz im Gegenteil. Wir sind völlig fremdabhängig und haben eine intuitive Angst bitte ja nicht verlassen zu werden. Weil wir dann nämlich nicht mehr lebensfähig wären. Unsere allererste Erfahrung auf der Welt ist also die, dass wir nicht existieren können, wenn niemand auf uns aufpasst und ganz verlässlich bei uns bleibt. Tag und Nacht.

Die Erfahrung, die wir ab diesem Moment in den ersten Jahren unseres Lebens sammeln, prägen uns für unser gesamtes Leben. Welche Erfahrungen wir als Babys sammeln, wieviel Nähe und Vertrauen wir erfahren dürfen. Wie mit unseren Bedürfnissen umgegangen wird. All diese Umstände sind verantwortlich für unsere ersten Muster die sich in unser Gehirn einprägen.

Dürfen wir die Erfahrung machen, dass wir uns auf Mama und Papa immer verlassen können? Oder haben die beiden, für uns wichtigsten, Personen andere Prioritäten? Vergessen Sie uns vielleicht sogar manchmal pünktlich im Kindergarten abzuholen, oder schicken sie uns immer wieder zu anderen Leuten die zwar auf uns aufpassen, aber bei weitem nicht das Gefühl von Fürsorge geben das wir in den ersten Lebensjahren so unglaublich wichtig brauchen um ein „Urvertrauen“ aufbauen zu können. Anderen gegenüber und so später auch uns selbst gegenüber. Eine existentiell so enorm wichtige Eigenschaft. Vertrauen in uns selbst!

Wenn wir als Kinder schon erfahren müssen hier immer wieder enttäuscht zu werden ist ein mögliches Muster, das sich davon ableitet, dass wir zu klammern beginnen. Und versuchen immer alles zu tun was sich andere, für uns wichtige, Personen von uns wünschen.
Personen die dieses Muster tief in sich verankert haben stellen ihre eigenen Wünsche immer hinter denen aller anderen an. Sie haben eigentlich gar keine eigenen Wünsche, weil Ihnen alle anderen immer wichtiger sind.
So entwickeln sich auch die eigenen Beziehungen stets in genau diese Richtungen. Auf beruflicher und privater Ebene.

Die Angst vor dem Verlassen werden schwebt bei Personen mit diesem Muster immer über ihnen. Wie ein Damoklesschwert.

Wie kann ich diese Ängste an mir selbst erkennen?

Oftmals sind uns unsere eigenen Muster und Lebensfallen selbst gar nicht bewusst. Wir denken, dass unser eigenes Handeln ganz normal ist und es ganz einfach unsere Verantwortung ist für andere da zu sein. Und uns nach ihnen zu richten.

  • Haben Sie öfter das Gefühl von Verlassenheit und innerer Leere, wenn Sie nicht immer ganz genau wo der / die andere gerade ist?
  • Bringt es Sie ganz aus dem Konzept wenn Ihr Partner / Ihre Kinder / Familie / enge Freunde – wenn jemand auch Ihrem engsten Kreis – einmal eine viertel, oder gar halbe, Stunde zu spät zu einer Verabredung kommt und auch nicht anruft. Und Sie die Person auch telefonisch nicht erreichen können. Tauchen dann gleich Bilder in Ihrem Kopf auf, in denen Sie sich vorstellen, dass sich die Person, auf die Sie warten, bestimmt gerade mit jemand anderem trifft. Jemand anderes einfach wichtiger ist als Sie. Und ähnliche selbstzerstörende Gedanken.
    Und anstatt nach Erscheinen der Person einfach mal über „Spielregeln“ zu sprechen und zu sagen, was Sie an diesem Verhalten stört und Sie sich wünschen würden, dass er / sie nächstes Mal kurz Bescheid gibt, wenn es sich nicht pünktlich ausgeht…. Nein, stattdessen sitzen Sie ganz verständnisvoll da sind einfach nur froh, dass die Person nun doch noch, ohne jede Entschuldigung, erschienen ist.
  • Wie geht es Ihnen, um noch ein weiteres Beispiel zu nennen, denn beispielsweise auch, wenn Sie jemanden am Telefon nicht erreichen? Oder Sie jemand nicht, wie versprochen, anruft. Beginnen Sie dann ständig auf Ihr Handy zu starren und ganz nervös auf WhatsApp zu recherchieren ob der- oder diejenige vielleicht gerade online ist. Und wenn ja…. „Mit wem….??? um Himmels willen denken.“
    Wer ist jetzt so viel wichtiger als ich….? Warum nimmt er / sie sich für jemanden mehr Zeit?

Manches Mal habe ich bei meinen Klienten und Patienten mit diesem Muster „Angst vor dem Verlassen werden“ sogar den Eindruck, dass Sie beginnen Ihren Partner und wichtige Bezugspersonen regelrecht zu stalken.
Aus lauter Angst verlassen zu werden beginnen sie die Menschen, die sie am meisten lieben, permanent zu kontrollieren. Mit Fragen wie beispielsweise „Was machst du gerade? Dauert das noch lange? Wann hast du endlich Zeit für mich. Wann kommst du? Warum hast du vorhin das Telefon nicht abgehoben – ich hätte es zigmal probiert. Liebst du mich überhaupt noch? Bin ich dir überhaupt noch wichtig? Nie hast du Zeit für mich. Nie bist du für mich da.“

Alles Fragen und Vorwürfe mit denen man sich selbst und auch allen anderes das Leben schwer macht. Kontrolle ist nämlich mit Sicherheit nicht die Basis einer glücklichen und wertschätzenden Beziehung. Kontrolle nimmt Ihnen selbst zudem einen Großteil der, um nicht zu sagen die ganze,  unbeschwerte Lebensfreude.

Lernen Sie wieder zu vertrauen und zu genießen. Liebe kann man ohnehin nicht erzwingen. Egal wie sehr Sie sich bemühen. Die wichtigste Person in Ihrem Leben sind Sie! Wenn Sie lernen für sich selbst und all‘ Ihre EIGENEN Bedürfnisse da zu sein und das Muster der „Angst vor dem Verlassen werden“ loslassen dann werden Sie spüren wie gut und frei sich das anfühlt und zudem auch welch positiven Auswirklungen das auf Ihr gesamtes Leben und Ihre Beziehungen zu all Ihren Bezugspersonen haben wird.

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